Gründungsschriften
Eine kleine publizistische
Sensation möchten wir Ihnen an dieser Stelle nicht vorenthalten. Dass der
Meistersang auf das liebliche Heilsgau mitnichten eine Erfindung einiger
heimwehkranker alkoholisierter Berliner Möchtegerngermanisten ist, sondern ein
publizistisch traditionsbehaftetes Unterfangen, ja gleichsam ein printmediales
Schlachtschiff gleich den großen Hamburger Nachrichtenmagazinen ist, und das
nicht erst seit heute, sondern schon seit mehr als 130 Jahren, ja sogar, wie ein
sensationelles Dokument später noch enthüllen wird, auf Wurzeln im 15.
Jahrhundert zurückgreifen kann, sollen Ihnen die folgenden Texte nahe bringen.
Dabei
handelt es sich zum einen Teil um die Gründungsschriften, die von bedeutenden
Weltschwaben zur ersten Ausgabe des Heilsgauer Boten 1872 mehr oder weniger
freiwillig eingereicht wurden (jüngste publikationshistorsche Recherchen deuten
darauf hin, dass die erste Redaktion des Boten über einiges kompromittierendes
Material über die Herren Kurz und List aus der damals bekannten Uracher
gastronomischen Institution „Hirsch“ und dessen Hinterzimmer verfügte), was
zumindest teilweise den begeisterten Ton erklären könnte. Zum anderen Teil
handelt es sich um ein sorgfältig ediertes Originaldokument des Grafen Eberhard
I. im Barte, mit dem er bereits am 20.8.1496 „eyn lustig anmuotig buochelin/
worinnen steet/ vil der liblichen und schönen uuoirtembergensia/ lop und preisz“
wünscht.
Nicht minder sensationell sind aber die Funde von Gründungsschriften von Hermann Kurz und Friedrich List, die den Herausgebern vor Kurzem zwischen einer der letzten leeren Pfandkisten des leider viel zu früh verblichenen Uracher Olpp-Bräus, die wieder niemand im Laden abgegeben hat und einer Sammlung wilhelminischer Erotika im Keller des Pfarrhauses der Uracher Amandusgemeinde in die Finger fiel.
Nullus
est liber tam malus, ut non aliqua parte prosit,
wie schon der große Plinius senior wußte. Ob dieser wahre Lehrsatz auch bei
Ihrem Machwerk stimme, wage ich kaum anzuzweifeln, wenngleich mir doch das eine
oder andere Mal scheint, daß nullum est iam dictum, quod non sit dictum
prius. Wortgewaltig Ihre Abhandlung über die Tugenden der Heilsgauer
Jugend, geradezu realistisch Ihre Schilderung der Heilsgauer Landschaft, fast
meint man sich im beschwingtem Gange
(enqeuten
exelaunein parasaggas treis)
den mächtigen Heilsgauer Bergen zuzuwenden, auf deren Gipfeln die köstlichen
Dörfer ruhen. Derart imprimiert bin ich ob Ihrer Publikation, zurufen will ich
es Ihnen und der ganzen Welt: Sie gesunde am spiritus mundi suebiorum,
sie möge ihn in sich aufsaugen und das Weltschwabentum, jene nur in den
lieblichen südwestlichen Gauen des Reiches gedeihende Geisteshaltung voll der
liebevollen Bewahrung der süßen Tradition und doch offen für das Neue und
stets bereit, weniger glückliche Zeitgenossen am Wissen teilhaben zu lassen!
Gottes
Segen, Gott zum Gruße und post cenam stabis, seu passis mille meabis!
Ergebenst,
Ihr Herrmann Kurz.
Reutlingen,
den 18. 10. 1872
Mit
diesem Ruf des englischen Meisterdichters will ich beginnen, ist doch Wohlan das
Wort, das den hehren Anspruch dieses Blattes am Besten einzufangen vermöge! Möge
der Heilsgauer Bote auf journalistischem Wege fort führen, was der Kaiser in
Versailles und meine Wenigkeit mit der Eisenbahn in Deutschland begonnen habe, möge
er im ganzen Reich vom Ingenium künden, das hier gedeiht, möge er dafür
sorgen, dass der schwäbische Geist auch im hohen Norden wehe, damit der
geneigte Leser auch in Hamburg nicht auf das liebliche Olpp-Bräu verzichten müsse,
alldieweil der hanseatische Pfeffersack bereits aus dem Heilsgauer Boten von der
feinhopfigen Würze, der lange im Glas stehenden Blume und der goldgelben Farbe
erfahren hat und es ihn daher gelüstet, das edle Getränk flugs mittels der
Eisenbahn zu importieren. Zum Wohl! Und auf ein baldiges Wiedersehen im
„Hirsch“, wo ich Ihnen bei nächster Gelegenheit die Hosen beim Binokel
herunterlassen werde.
Friedrich
List
Reutlingen, den 22.10.1872
Eine weitere Gründungsschrift
Immer
wieder kontrovers diskutiert wurde die Identität eines Dokumentes, auf das sich
die Herausgeber der Nullnummer des Heilsgauer Boten bei ihrer publizistischen Tätigkeit
beriefen. Es handle sich dabei, so lesen wir im Protokoll der Redaktionssitzung
im Stuttgarter Schloss vom 28. 8. 1872, um einen „krakeligen, aber denk- und
beachtungswürdigen Wisch, den uns die Geschichte von Württemberg durch die
Zeiten hinweg hat zukommen lassen“. Diese fundamentale Sendschrift galt jedoch
über lange Zeit hinweg als verschollen, bis der Vorsitzende des Vereins „Die
mopsfidelen Altgermanisten“, Günther Schweikle, im Jahre 1980 eine bis dahin
verklemmte Schublade seines Schreibtisches öffnete und den Sendbrief des Grafen
Eberhard im Barte darinnen entdeckte, der den Erstherausgebern des „Heilsgauer
Boten“ wohl Pate gestanden hat. Unter Mithilfe der restlichen Führungselite
der „mopsfidelen Altgermanisten“, hier wären zu nennen: Max Wehrli, Joachim
Bumke, Helmut Tervooren und Walther Haug, wurde der Text schleunigst ediert,
weil die ganze Geschichte ja auch ein wenig peinlich ist. Das Original ist im
Weilersteußlinger Heimatmuseum einzusehen, zu finden in der Pfarrscheuer,
Kirchgasse 3. Den Schlüssel hat Herr Sailer, dort bitte telefonisch anmelden.
Nun folgt aber der Text, abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der „Blätter
der Mopsfidelen Altgermanisten XXV, März 1981.
Ann
die geleerten Doctores, allweiland hausend in der Universitas Tubingensis.
Gnad
und Frid in Christo.
Ihr
geleerten Herren! Ich binn euer Fürst/ daher müßt Ihr tuen unnd lassen/ wes
mir belieben zu tuon beliebet/ Nun sperrett also alle eur klein Öehrchen auff
und höhret her/ was mir wohlfeyl ist/ Habe ich euch nicht hingestellet/ eyn
fein und donnerblitzgscheit universitas/ darinnen yhr lehren/ unnd lesen/ und
tuen und lassen könnet/ wes euch beliebt/ so es mir auch belibet/ ja/ des binn
ich mir gewiss/ unnd hat nicht der kuning Maximilian mich erhoben/ in den stande
eynes hertzogs/ weswegen mir nun noch vil meer lob zuteil werden muss/ das zu
bestercken und zu meeren ist euer aufgap/ unde auch die der tichter und senger/
so hebet nun an/ meiner lop zu meeren/ unde singet nicht immer nur von meinem
barthe/ so mir wackset unden ausm kinn heraus/ alldieweil ich bin eyn gar
geleereter fürst/ dies ding kenntet eyner von euch auch mal besingen/ dem
nechsten/ so erweenet meynen bart/ werde ich einkarzern/ dasz da ist vil geheule/
und zeeneklapprn/ nun ist mir aufgefallen ein groszer scheiszdreck/ welcher
besteet darinn/ dass es kein loppreisz giebt/ der ist allda gesetzet/ in schön
wohlfeyl gegossen litterae/ unde gepunden in leder/ mit lieplich anzuschawen
bildelin/ der schwaben heymat betreffend/ was ist tumbe/ weyl selbst die
heydnisch unde sodomitisch gewesenet röemerssäck/ haben gehapt den Virgilius/
welcher hat gantz artig geschriben üeber Rom et cetera/ unde die grychen/
welche abgehalten haben/ alldiweyl grosze heydnische feste/ dennoch gewesen
seynd grosze philosophi/ aber auch gewesent sodomiten/ haben gehapt den homerus/
fragistu aber/ he! Grosz und mechtig fürst/ wir schwaben brauchen des lops/
gesetzet in wohlfeyl littera nicht/ alldieweyl wir uns alles im kopfe merken könnenn/
wir sint ja nicht tumb/ so sage ich/ Selbst der Herr Jesus Christus/ muss gehapt
haben/ ein bichlin/ oder vergleichbar gedechtnishelfer/ da er sich die
vielzaehlig nam seiner Apostel nicht hätt merken kennen/ die da waren Simon
Petrus/ Andreas seyn prouder/ Jakobus filius Zebbedäi/ Johannes seyn pruoder
und daher auch eyn filius Zebbedäi/ Philippus/ Bartholomäus/ Thomas der ungläübig/
Matthäus der zöllenerarsche/ Jakobus filius Alphäi/ Lebbäus oder Thaddäus/
Simon von Kana/ Judas die ungattig verreterisch ketzerarschgeig/ was ist/ eyn
gar lang list/ welche merken/ der Herre Jesus Christus/ wol kaum hätt können/
da er hatt tuon müssen/ nebenher auch vil schön wunder und miracili/ und hat
sich wol auch notirt/ den weg/ so gehet vom tode wiederum/ ins leben/###***%%% [Unleserlich,
Anm. d. Editoren] sakkerzement/ nun ist mir zerspleiszet/ der fehderkiel/
unnd hat versäuet das papire/ hape wool zu starcke gedricket/ alldyweil ich
schon geschlozet habe/ eyn paar gleser zuvil des wohlschmakkenden mezinger
weines/ will aber noch sagen/ das ihr faulen/ unnd tumben feuchtfurtzer/ unnd
bicherwürmer/ sollet eyer anstrengen/ unnd verfassen eyn lustig anmuotig
buochelin/ worinnen steet/ vil der liblichen und schönen uuoirtembergensia/ lop
und preisz/ aber selbiges machet schöen wolfeil zackig hopphopp/ noch vor dem
heyligen abent/ andernfalls ich schliißen werde di universitas tubingensis/
unnd werde darinnen eynrichten/ eyn garstig fröidenhause/ mit vil liderlich
gedirne/ oder eyn schweinekoben.
Dys
behaltet zu meynem gedechtnis/ eynander mal/ zackzack/
Hochwolgeborn
hertzog Eberhardus im Bartensis,
Den
zwanzigste August Anno Domini 1496
Noch
kontroverser diskutiert als die Existenz der Schrift wurde freilich die
Tatsache, dass das geforderte Büchlein nicht überliefert ist, ja, es fraglich
ist, ob es überhaupt verfasst wurde, dass
jedoch andrerseits die Universität Tübingen höchstens metaphorisch für
einen Schweinestall oder Puff gehalten werden kann, dass also das Nichtbefolgen
dieser herzoglichen Anweisung offensichtlich eben dem Herzog herzlich wurscht
war. Offensichtlich ist jedoch der Eberhard bei der Niederschrift seines Namen
eingeschlafen, das letzte „s“ zieht sich über die Hälfte des Blattes in
Richtung Schreibtischkante hin, so dass angenommen werden kann, dass er wohl vom
Stuhl gefallen ist, worauf offensichtlich ein eifriger Page den Brief vollends
versandfertig gemacht hat. Im Falle dass Eberhard sich am nächsten Tag nicht
mehr an den Brief erinnern konnte, verwundert es nicht weiter, dass die
Missachtung dieses Befehls keine Folgen nach sich zog. Jedoch stand die
Geschichte der Universität Tübingen wohl für ein oder zwei Stunden auf der
Kippe, was allerdings auch nicht weiter zu interessieren braucht.
Sekundärliteratur:
Schweikle, Günther. Die apokryphen Streuüberlieferungen von Eberhard im Barte,
Bd. 1. Stuttgart:
1981. – Cramer, Thomas. Ihr
Ärsche lasst mich nicht mitmachen! In: Blätter des Verbandes mopsfideler
Altgermanisten XXV (Januar 1982); S. 34-1342. – Jens, Walther. Lasst doch mal
den Thomas Cramer mitmachen! In: Blätter des Verbandes mopsfideler
Altgermanisten XXVII (März 1982); S. 56-57. – Haug, Walther. Die Fehde
zwischen Thomas Cramer und dem Verband mopsfideler Altgermanisten. Bd.
1-7; Berlin, New York: 1984. – Tervooren, Helmut. Die
Rezeption der Fehde zwischen Thomas Cramer und dem Verband mopsfideler
Altgermanisten. Rezeptionsästhetische Untersuchungen. Stuttgart: 1987.